Dialog mit mehr als 70 Menschen ?!

Mit mehr als 70 Menschen im Dialog? Geht das? Ja. Vergangene Woche habe ich eine solche Veranstaltung geleitet. Verrückt? Nein, ein schöner Teil meines Berater-Alltags. Vielleicht kennen Sie das auch: Sie planen ein großes Projekt. Sie wissen schon jetzt, dass das Thema viele Menschen berühren wird. Was tun? Die Betroffenen einbinden im Großgruppenevent? Alle?! Das geht ja schon logistisch nicht! Und wenn ich vorher viele Menschen einbinde, wecke ich ja schlafende Hunde. Dann denken die Leute, alle Ansprüche würden erfüllt! …und das – mein – Projekt lässt sich niemals umsetzen! Das kann ja nicht gut gehen … nein, lieber im kleinen Kreis heimlich ausarbeiten, und dann im Überraschungsschlag „runterkaskadieren“!

Diesen Bedenken begegneten schon Werner Kirsch und Kollegen 1979… Ihre Antwort damals: Partizipation erhöht die Handlungsfähigkeit, denn mit frühzeitiger Einbindung der Betroffenen (und deren Vorbehalte) braucht man nämlich kein „Runterkaskadieren“ mehr im Überraschungsschlag. Außerdem werden Erkenntnisfähigkeit der Organisation und Empfänglichkeit für strategische Signale erhöht. Gut ausbalanciert stehen diese drei Elemente – Empfänglichkeit, Erkenntnisfähigkeit und Handlungsfähigkeit –  auch heute für erfolgreiche Unternehmen in dynamischer Umwelt: neuartige Lösungen (Erkenntnisfähigkeit), die „wert-voll“ für Kunden sind (Empfänglichkeit), in die Tat umsetzen und die Realität verändern (Handlungsfähigkeit).

Wenn Partizipation so erfolgversprechend ist, warum zögern Sie noch? Vielleicht, weil Sie menschlich sind. Vielleicht, weil Sie es bisher gewohnt sind, alles unter Kontrolle zu haben, vielleicht auch durch hierarchische Strukturen – Sie sind der Boss. Und Sie denken: mit so einer großen Gruppe – was da alles passieren kann! Nein, das Risiko will ich nicht eingehen!

Das sollten Sie auch nicht. Nicht einfach so. Versichern Sie sich lieber: Damit die Handlungsfähigkeit wirklich erhöht wird, sind Planung, Analyse und Kompetenz im Prozess wichtig – die Gestaltung des gesamente Prozesses mit Blick auf die Inhalte. Ein Leitspruch aus dem Art of Hosting, dem ich gerne folge: „never host alone“. Nehmen Sie sich für die Gestaltung des Prozesses (mindestens) einen Partner, der nicht direkt vom Thema betroffen ist. Dieser Prozess kann dann auch ein Großgruppen-Event beinhalten.

Was habe ich für die Veranstaltung vergangene Woche gemacht? Ich habe mir zwei erfahrene Kollegen als Unterstützung geholt – von außen, denn bei diesem Projekt war ich selbst involviert (Petra Worms und Andreas Giesen). Alte Konflikte traten auf, die sich auf einmal an dieser Veranstaltung festgemacht haben. Immer wieder wurde in Frage gestellt: Ist die Veranstaltung sinnvoll? Brauchen wir das überhaupt? Und warum ausgerechnet in dieser Form? Angst und Unsicherheit bei Schlüssel-Akteuren. Zwischenzeitlich schlechte Stimmung. Dann wieder erklären, Stimmung aufgreifen, auf die eigene Sprache achten, um nicht noch mehr Unsicherheit zu verbreiten. Sich mit den Ängsten der Menschen verbinden. Würdigung.

Hier einige Fragen, die ich mit meinen Kollegen vorab behandelt habe:

  • Worum geht es eigentlich?  Welche Frage stellt sich? Was steckt hinter dem Projekt? Sich selber klar werden: Ist ernsthaft Partizipation gewünscht? Welche Form von Ergebnis wünsche ich mir? Was passiert mit dem Ergebnis?
  • Kontextklärung: Welcher Akteur ist Treiber, wer kann das Projekt zu Fall  bringen? Wie gehe ich damit um? Wie kann ich herausfinden, worum es den Schlüssel-Akteuren geht und wie kann ich darauf eingehen?
  • Wozu lade ich ein? Welche Rolle erwarte ich von den Gästen?
  • Wie kann ich den Prozess so gestalten, dass das Ergebnis erreicht werden kann?
  • Manche Dinge brauchen viel mehr Zeit, als andere erwarten. Wie gestalte ich Zeit und Raum? (diese Geschichte erzähle ich ein anderes Mal…)
  • Welche Sicherheit brauche ich?

Dialog mit mehr als 70 Menschen. Ja, das geht. Lebendiger Austausch, dynamisch im Prozess, tolles Ergebnis. Viel Vorbereitungsaufwand – der sich gelohnt hat. Von der Führung Lob für die Veranstaltung. Von Teilnehmern Glückwünsche zur gelungen Veranstaltung. „Die Zeit verging so schnell. Ich bin belebt und erfrischt!“

Was will ich mehr?

Und was wollen Sie mehr?

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